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Damiette.

Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland, wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt oben ausserhalb der grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese mit wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird.

Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen Consuls, des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.

Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus Marseille nach dem Canal liefert, hatte, Herr Bronn Claret und Sparkling Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe, welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That, es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage.

Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde genisst und mit einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren. Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte. Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8 Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 11/2 Fuss tief, nach hinten befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus einem Bebari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamen Schutz gegen die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen lässt.

Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stießen, im wahren Sinne des Wortes, denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavierens nicht kannte, das ganze Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël, also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu benutzen, aber langsam ging es trotzdem.

Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden, wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem lauwarmen Wassee derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen. Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt. Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Basoba eine eigene kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum patrouilliren müssen.

Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.

Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln, in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20 Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsam Reis und der wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren wären, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber Smah nennen, herausragen gesehen.

Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler Kanal führte vom Menzale See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil. Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging es zur Stadt.

Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hôtels, wovon das eine ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist. Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog, zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen gesäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses ländliche Hôtel. Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hôtel ein Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau bestehend, wirthschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.

Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria, und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet, mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön. Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber früher bedeutend grösser.

In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt, 12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde. Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5. November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzuge des christlichen Heeres sein.

Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss konnte nicht zur Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250 gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen, dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.

Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück, welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein.

Heutzutage ist Damiette eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige wenige Italiener und Franzosen gibt es, Engländer und Deutsche sind augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde, und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall gibt sie ihm kräftigen Schutz.

"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt. Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen. "Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch machen wird, wurde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und spanischen Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine Reiseplane nicht mehr umändern, und hat ihn, mich dem guten Andenken des Herrn Consuls zu empfehlen.

Herr Guérin, mein Wirth, erzählte nun noch folgendes, was mir nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's; sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde, sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell empfängt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, eine Besuch ab, sodann eine steife Referenz machend, puppt er sich einen spanischen Consul um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch, das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den norddeutschen und spanischem Salon.

Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein, welches er an König Wilhelm zur Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst was, dass das Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passieren lassen. "Schade", erwiederte ich "unser König ist dadurch um einen heiteren Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, wwas er von Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen übereinstimmen."

Doch es würde zu weit führen hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten, die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel, noch, dass man andererseits auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles dem Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von dieser Familie repräsentirt wird.

Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen mehr als 20 hohe Minarets zählte ich, die meisten Djemma, so nennen die Araber ihre Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und noch heutzutage ein besuchten Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder. Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen, nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke. Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen, vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel, denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird von sterilen Frauenzimmem so lange geleckt mit er Zunge bis aus dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen, (wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von Thaleb) aber noch andere mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten, und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung. beschäftigt, die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen. Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, welche dicht neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen Abstand der beiden Säulen von einander sah, könnte ich mir recht gut denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden.

Für die Christen in Damiette gibt es ausser den koptischen Kirchen eine katholische Kirche, welche von Vätern des heiligen Grabes bedient wird, dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden, nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude, welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen, steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind. Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend, unmittelbar ans Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul el Agam (.. heissen sie Persien) nennen.

Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude, mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80 Meilen nilaufwärts liegt.

Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind nach Alansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück.


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